Faktencheck zu "maischberger. die woche"

Sendung vom 24.11.2021

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Sascha Lobo, Cerstin Gammelin, Volker Wissing, Ulrich Deppendorf, Dr. Manfred Wagner, Prof. Ulrike Protzer
Die Gäste (v.l.n.r.): Sascha Lobo, Cerstin Gammelin, Volker Wissing, Ulrich Deppendorf, Dr. Manfred Wagner, Prof. Ulrike Protzer | Bild: WDR / Oliver Ziebe

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Wurden Covid-Patienten aus Bayern nach Italien verlegt?

Wurden Covid-Patienten aus Bayern nach Italien verlegt?

Mit unserem Studiogast Dr. Manfred Wagner, dem Medizinischen Direktor des Klinikum Fürth, sprachen wir über die sich stetig zuspitzende Situation auf den Intensivstationen. In diesem Zusammenhang kam u.a. die Frage auf, was eigentlich mit neuen Patienten geschieht, wenn die Kapazitäten einer Klinik ausgeschöpft sind. Wagner bestätigte, dass bereits vereinzelt Patienten aus Bayern in italienische Kliniken ausgeflogen worden seien, in der Regel aber geschehe die Verteilung innerhalb Deutschlands nach dem sogenannten Kleeblatt-System.

Wegen vollbelegter Intensivstationen: Wurden Corona-Patienten nach Italien verlegt?

Maischberger: "Wie ist die Lage auf Ihren Intensivstationen?"

Wagner: "Die Lage ist maximal angespannt. Sie ist oft überspannt. Ich will das Wort 'katastrophal' nicht in den Mund nehmen, weil ich nichts davon halte, Hysterie zu machen. Aber ich glaube, es gibt Landesteile in Bayern, da ist die Lage wirklich nahe an der Katastrophe. Und wir haben vor Kurzem in der Pandemiekonferenz, die wir in unserem Großraum jeden Tag haben, darüber gesprochen, dass die Patienten jetzt aus den südlichen Landesteilen ausgeflogen werden. Das ist die gute Nachricht für die Patienten, und die gute Nachricht für uns ist: Sie werden über uns drüber geflogen."

Maischberger: "In den Norden?"

Wagner: "In den Norden."

Maischberger: "Ich habe auch gelesen, dass sie nach Italien gebracht werden. Also aus Bayern Patienten nach Italien, wo ich gedacht hätte, so etwas kann nicht passieren eigentlich."

Wagner: "Wobei man ehrlich sagen muss, das war wohl ein Fehlläufer einer persönlichen Aktion eines Arztes. Also prinzipiell wird aber seit heute jetzt das Kleeblatt offiziell aktiviert, d.h. die Verlegung von Patienten aus dem Süden in den Norden und in den Osten Deutschlands."

Stimmt das? Wurden Covid-Patienten aus Bayern nach Italien verlegt?

Angesichts vollbelegter Intensivstationen im Rettungsdienstbereich Erding-Freising-Ebersberg wurden am 11.11.21 tatsächlich zwei schwer an Covid-19 erkrankte Patienten aus dem Klinikum Freising nach Italien verlegt. Einer der beiden wurde mit einem Helikopter der DRF Luftrettung nach Bozen geflogen. Der zweite wurde in einem Rettungswagen der Malteserstation am Flughafen München nach Meran gefahren. In Erding waren zu diesem Zeitpunkt sechs der zehn Beatmungsplätze mit Coronakranken belegt, in Ebersberg sechs von 14 und in Freising acht von zehn. Wie der zuständige Covid-Einsatzleiter in Südtirol unlängst gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) bestätigte, sind aber seither keine weiteren Patienten aus Deutschland nach Italien verlegt worden.

Wie Dr. Manfred Wagner in der Sendung sagte, ist eine Verteilung innerhalb Deutschlands üblich. Um diesen Vorgang effektiver zu koordinieren, haben einige Bundesländer (Bayern, Thüringen, Sachsen, Berlin und Brandenburg) am Dienstagabend (23.11.) das sogenannte Kleeblatt-System aktiviert. Bund und Länder hatten das System im Frühjahr 2020 entwickelt, damit schwer an Corona Erkrankte im Fall von regionalen Engpässen weiterhin intensivmedizinisch behandelt werden können.

Die Idee dahinter ist simpel: Die Bundesländer sind in fünf sogenannte Kleeblätter unterteilt, die je an einer zentralen Stelle (Single Point of Contact, SPoC) koordiniert werden. Die fünf Kleeblätter heißen:

Süd: Bayern
Südwest: Baden-Württemberg, Saarland, Rheinland-Pfalz, Hessen
West: Nordrhein-Westfalen
Ost: Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Berlin
Nord: Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern

In einer Grundstufe können Verlegungen innerhalb der Kleeblätter koordiniert werden. Dies geschehe schon seit Anfang Oktober, erklärte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. "Wenn die Kapazitäten das nicht mehr zulassen, dann ist eine Verlegung über die Kleeblatt-Grenzen hinaus möglich", so der Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, Sebastian Gülde, am Montag (22.11.) in der Bundespressekonferenz. Im regionalen Überlastungsfall also kann die SPoC von den Landesregierungen aktiviert werden und die Stellen in anderen Regionen in Deutschland um Hilfe bitten.

Bei der Koordinierung werden die zentralen Stellen der Kleeblätter durch eine Fachgruppe des Robert Koch-Instituts sowie durch das Gemeinsame Melde- und Lagezentrum (GMLZ) des Bundes unterstützt. Hier werden Informationen über freie Intensivbetten-Kapazitäten gesammelt und Transportmittel koordiniert. Diese Kleeblatt-Konferenz tauscht sich alle zwei Tage aus, um die bundesweite Verlegung von Patientinnen und Patienten zu organisieren. 

In der aktuellen Situation haben die Kleeblätter Süd und Ost das System aktiviert. Hier geht es nun darum, eine größere Zahl von Patienten und Patientinnen in andere Bundesländer zu verlegen. Die Rede ist von rund 80 Covid-19-Erkrankten. Die ersten Transporte seien laut DIVI in den nächsten Tagen geplant. Allein aus Bayern werden voraussichtlich 50 Corona-Intensivpatienten verlegt. Wann und wohin sie transferiert werden, ist nach aktuellen Angaben des bayerischen Kleeblatt-Koordinators noch unklar.

Fazit: Dr. Manfred Wagner, Medizinischer Direktor des Klinikum Fürth, schilderte in unserer Sendung die aktuelle Situation auf den deutschen Intensivstationen. Auf Grund von Überbelegung müssen hier inzwischen Patienten mitunter in andere Kliniken verlegt werden. Tatsächlich wurden kürzlich zwei Covid-Patienten aus Bayern nach Italien ausgeflogen. Üblich ist jedoch eine Verteilung innerhalb Deutschlands. Um dies zu koordinieren, wurde zu Beginn der Pandemie das sogenannte Kleeblatt-System installiert. Die Bundesländer sind in fünf sogenannte Kleeblätter unterteil, die je an einer zentralen Stelle zusammengeführt werden. Dort wird die Patientenverlegung organisiert. Unlängst wurde das Kleeblatt von den Bundesländern Bayern, Thüringen, Sachsen, Berlin und Brandenburg aktiviert. In den kommenden Tagen werden demnach etwa 80 Covid-Patienten aus diesen in andere Bundesländer verlegt.

Stand: 25.11.2021

Autor: Tim Berressem