Faktencheck zu "maischberger. die woche"

Sendung vom 17.11.2021

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Julie Kurz, Micky Beisenherz, Dagmar Rosenfeld, Roland Kaiser
Die Gäste (v.l.n.r.): Julie Kurz, Micky Beisenherz, Dagmar Rosenfeld, Roland Kaiser | Bild: WDR / Oliver Ziebe

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Wann hat die Wissenschaft vor einer vierten Corona-Welle gewarnt?
  • War Bayern bei den Lockerungen vorsichtiger als andere Länder?

Wann hat die Wissenschaft vor einer vierten Corona-Welle gewarnt?

Mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) sprachen wir in der Sendung über die sich derzeit stetig verschärfende Infektionslage. Dabei widersprach er dem Vorwurf, die Politik ergreife erst jetzt entsprechende Maßnahmen, obwohl zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schon früh vor einer vierten Corona-Welle gewarnt hätten.

Vierte Corona-Welle: Wann kamen die ersten Warnungen? | Video verfügbar bis 17.11.2022

Maischberger: "Herr Söder, der Herr Drosten hat im April und im August wiederholt gesagt, der Antikörperlevel wird sinken, vor allem bei den Alten. Leif Erik Sander, Charité-Impfstoffforscher, hat im Juni gesagt, es gibt eine nachlassende Immunantwort bei älteren Menschen, die früh geimpft wurden. Das RKI hat Ende Juli (…) eine Warnung ausgegeben, und hat auf zehn Seiten einen Leitfaden 'Vorbereitung für den Herbst und Winter' publiziert. Darin wurde schon gesagt, der Anstieg wird bis Oktober langsam, aber dann einfach schneller sein. Herr Lauterbach hat im August gesagt, es wird Durchbruchsinfektionen geben. Herr Streeck im September: 'Die höchste Welle steht uns noch bevor.' Wollen Sie ernsthaft aufrechterhalten, die Wissenschaft, und zwar alle, hätten das unterschätzt?"

Söder: "Frau Prof. Protzer hat gesagt, wir haben die ganze Wirkung insbesondere der Impfdurchbrüche unterschätzt. Prof. Kekulé hat gesagt, dass wir eigentlich einen super Impfschutz haben und uns keine Sorgen machen müssen. Herr Drosten selber hat übrigens darauf hingewiesen, noch im August, dass wahrscheinlich die Booster-Impfung nur für sehr wenige dringend notwendig ist. Wir können das jetzt sehr lange machen – Fakt ist: insgesamt ist die Wucht, was das Boostern angeht, unterschätzt worden."

Stimmt das? Wann hat die Wissenschaft vor einer vierten Corona-Welle gewarnt?

Tatsächlich legte des Robert-Koch-Institut (RKI) bereits am 22.7.2021 einen zehnseitigen Leitfaden zur Vorbereitung auf das Pandemiegeschehen im Herbst und im Winter vor. Auf Basis entsprechender Modellierungen ging die Behörde davon aus, dass die Zahl der Hospitalisierungen und Corona-Intensivpatienten sowie die Sieben-Tage-Inzidenz bis Oktober langsam und dann schneller steigen werde. Im Januar und Februar sei schließlich bei allen Indikatoren mit Höchstwerten zu rechnen, ehe das Infektionsgeschehen wieder abflauen könnte. Vor diesem Hintergrund empfahl das RKI, die "entspannte Infektionslage" in den Sommermonaten zu nutzen, um präventive Maßnahmen zu ergreifen. Auch warnte man in dem Papier vor einer Gefährdung durch Impfdurchbrüche: "Ein denkbares Szenario ist, dass bei hochbetagten Menschen mit zunehmendem zeitlichem Abstand zur Impfung vermehrt Impfdurchbrüche auftreten können, sodass es in Pflegeheimen zu schweren Covid-19-Ausbrüchen kommen kann", so das RKI.

Auch Leif Erik Sander, Infektionsimmunologe an der Berliner Charité, warnte schon Ende Juni vor einer nachlassenden Immunantwort, insbesondere in den hohen Altersgruppen. "Wir müssen die nächste Phase beim Impfen jetzt schon andenken", erklärte er damals gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa). SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zeigte sich im August ebenfalls besorgt über mögliche Impfdurchbrüche. Bei allen Corona-Vakzinen steige das Risiko eines Impfdurchbruchs nach sechs Monaten an, betonte er gegenüber der Funke Mediengruppe. So argumentierte auch der Virologe Hendrik Streeck im September und warnte vor deutlich steigenden Infektionszahlen im Herbst: "Es wird ein komplizierter Winter. Die höchste Welle steht uns noch bevor, wir haben aber mit der Impfung ein starkes Werkzeug", so Streeck damals in einem RTL-Interview.

Auch der Berliner Virologe Christian Drosten wies bereits in der ersten Jahreshälfte wiederholt darauf hin, dass das über die Impfung erworbene Antikörper-Level vor allem bei sehr alten Menschen nach einem halben Jahr deutlich absinken werde. Wie Markus Söder in unserer Sendung aber richtig anmerkte, ging Drosten noch im August davon aus, dass eine dritte Impfung im Herbst für einen Großteil der Geimpften wohl nicht notwendig sein würde. Die Schutzwirkung der Corona-Impfstoffe sei viel besser als beispielsweise bei den Influenza-Impfstoffen, sagte er damals gegenüber der dpa.

Tatsächlich warnte auch die von Markus Söder erwähnte Münchner Virologin Ulrike Protzer bereits Anfang August vor einem massiven Inzidenz-Anstieg im Herbst. Da die Impfquote noch nicht hoch genug sei, hätte dies auch eine deutlich stärkere Krankenhausauslastung zur Folge, so ihre Einschätzung damals im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk. 

Virologe Alexander Kekulé – ebenfalls von Markus Söder in der Sendung erwähnt – sah die Meldungen über eine geringere Impfstoff-Wirksamkeit gegen die Delta-Variante im Juli gelassen. "Das ist nichts, weswegen wir jetzt alle in Panik geraten müssen", sagte er dem MDR. Es sei völlig klar, dass die Impfstoffe gegen neue Varianten nicht die gleiche Wirksamkeit erzielten wie gegen Ursprungsvarianten. "Ich bin wirklich der Meinung, wir müssen uns da entspannen und sagen, okay, das sind halt die Impfstoffe, die wir haben. Auch bei einem geringeren Impfschutz ist das Immunsystem in einer besseren Ausgangslage als ohne Impfung."

Fazit: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wies in unserer Sendung den Vorwurf zurück, die Politik reagiere erst jetzt auf das sich stetig verschärfende Infektionsgeschehen, obwohl die Wissenschaft schon vor Monaten vor einer neuerlichen Corona-Welle gewarnt habe. Tatsächlich aber wurden bereits ab Mitte des Jahres zahlreiche Stimmen laut, die Präventivmaßnahmen für die kalte Jahreszeit forderten. So gab etwa das RKI im Juli einen entsprechenden Leitfaden heraus. Viele Forscherinnen und Forscher teilten die darin formulierten Einschätzungen. Gleichwohl wurde die Bedeutung der Booster-Impfung für die Eindämmung einer vierten Welle anfangs z.T. geringer eingeschätzt. 

War Bayern bei den Lockerungen vorsichtiger als andere Länder?

In der Sendung reagierte Markus Söder auch auf den Vorwurf, Bayern habe Anfang Oktober entgegen der Warnungen des RKI weitreichende Öffnungen, z.B. von Clubs und Diskotheken, verfügt. Andere Bundesländer, so gab Söder zu bedenken, seien diesen Schritt bereits deutlich früher gegangen. Bayern habe sich hier vorsichtiger verhalten als alle anderen. 

Corona-Lockerungen: War Bayern besonders vorsichtig? | Video verfügbar bis 17.11.2022

Maischberger: "Italien hat reagiert, Frankreich hat reagiert, Israel hat geboostert. Also, man kann ja auch über den Tellerrand hinausschauen. Und entgegen zu diesen Handlungen haben Sie am 1. Oktober in Bayern die Diskotheken und die Clubs wieder geöffnet. Sie haben in Bayern am 1. Oktober die Maskenpflicht im Unterricht wieder aufgehoben. Sie haben in Bayern den Startschuss gegeben – am 1. Oktober – für Volksfeste und Weihnachtsmärkte. Da muss man doch sagen, egal, was Jens Spahn gesagt hat, das RKI hätte das nicht empfohlen."

Söder: "Naja, aber in ganz Deutschland war das alles viel früher auf. Die Wahrheit ist, dass Bayern die letzten waren. Übrigens massiv bedrängt von etlichen Medien, ich glaube auch u.a. von 'Süddeutsche' oder 'Welt': 'Macht doch endlich die Clubs und die Discos auf! Warum ist Bayern denn da so rückständig?' (…)"

Stimmt das? War Bayern bei den Lockerungen vorsichtiger als andere Länder?

Tatsächlich traten in Bayern zum 1. Oktober zahlreiche Lockerungen in Kraft. So wurden nach monatelangem Verbot Volksfeste und "öffentliche Festivitäten" im Freistaat wieder möglich, wie die Staatskanzlei damals mitteilte. "Wir erlauben in Bayern Volksfeste und Weihnachtsmärkte wieder – das ist gut für die Gesellschaft und die Wirtschaft", kommentierte Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) den Beschluss.  Als Bedingung wurde zunächst die Einhaltung der 3G-Regel genannt.

Zudem beschloss das Kabinett die Öffnung von Clubs und Diskotheken. Dort wurde eine verschärfte 3G-Regel festgeschrieben: Als negativer Testnachweis wurde nur ein PCR-Test akzeptiert. Ein Schnelltest reichte für einen Disco-Besuch somit nicht aus. Inzwischen gilt in Bayern weitgehend die 2G-Regelung. Selbst ein PCR-Test berechtigt also mittlerweile nicht mehr zur Teilnahme. 

Zum 1. Oktober änderten sich auch die Corona-Regeln im Schulunterricht. So entfiel die Maskenpflicht am Platz, bei sonstigen Schulveranstaltungen und in der Mittagsbetreuung. Damit müssen Schülerinnen und Schüler die Maske nur noch tragen, wenn sie sich durch das Schulgebäude bewegen. Der Wegfall der Maskenpflicht lasse sich damit rechtfertigen, dass es ein dichtes Sicherheitsnetz an den Schulen gebe, hieß es aus der Staatskanzlei. Jede Schülerin und jeder Schüler werde mehrfach pro Woche getestet, es werde gelüftet, gebe vielerorts Luftfilter und CO2-Warngeräte.

Es ist jedoch richtig, dass Bayern mit manchen Lockerungen länger gewartet hat als alle anderen Länder. Brandenburg und Sachsen-Anhalt etwa öffneten schon im Juni wieder Clubs und Diskotheken, knüpften dies aber auch an eine Testpflicht und Kapazitätsbegrenzungen. Im Laufe des Sommers folgten die übrigen Bundesländer mit unterschiedlichen Auflagen und Regeln. 

Bei der Maskenpflicht im Schulunterricht sieht es anders aus. Hier lockerte Bayern zeitgleich mit Berlin. In Ländern wie Baden-Württemberg oder Sachsen wurde der Schritt zu diesem Zeitpunkt noch diskutiert. 

Während die Lockerungen in Bayern beschlossen wurden, lag der Freistaat mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 83,9 deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 61 (Stand: 30.9.2021). Vor allem die Landkreise nahe der österreichischen Grenze hatten hohe Infektionszahlen zu beklagen. So belegten am 30.9.2021 die Kreise Traunstein (243,3), Rosenheim (195,2) und Berchtesgadener Land (172,1) die Plätze zwei, drei und vier der deutschen Corona-Hotspots.

Fazit: Markus Söder widersprach dem Vorwurf, Bayern habe Anfang Oktober entgegen der Warnungen des RKI weitreichende Öffnungen, z.B. von Clubs und Diskotheken, verfügt. Andere Bundesländer, so gab Söder zu bedenken, seien diesen Schritt bereits deutlich früher gegangen. Das stimmt. Tatsächlich wartete der Freistaat Bayern länger als alle anderen Bundesländer mit der Öffnung von Clubs und Diskotheken. Brandenburg und Sachsen-Anhalt öffneten bereits im Juni unter entsprechenden Auflagen. Die übrigen Länder folgten im Laufe des Sommers. Bei der Aufhebung der Maskenpflicht im Schulunterricht war Bayern jedoch schneller als andere Länder wie Baden-Württemberg oder Sachsen. Berlin lockerte die Maskenpflicht zeitgleich mit Bayern. 

Stand: 18.11.2021

Autor: Tim Berressem