Faktencheck zu "maischberger. die woche"

Sendung vom 03.11.2021

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Sigmund Gottlieb, Anna Mayr, Ranga Yogeshwar, Ralf Moeller
Die Gäste (v.l.n.r.): Sigmund Gottlieb, Anna Mayr, Ranga Yogeshwar, Ralf Moeller | Bild: WDR / Melanie Grande

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Werden Vielflieger für ihren CO2-Ausstoß belohnt?

Werden Vielflieger für ihren CO2-Ausstoß belohnt?

Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar forderte in unserer Sendung ein grundlegendes Umdenken in Sachen Klimaschutz, und kritisierte, dass derzeit noch immer wirtschaftliche Anreize für ein klimaschädliches Verhalten gesetzt würden. Als Beispiel nannte er das System der Bonusmeilen, das insbesondere Vielflieger für ihren CO2-Ausstoß belohne.

"Wir belohnen den Sünder": Profitieren Vielflieger vom CO2-Ausstoß?

Yogeshwar: "Ich glaube, wir machen den Fehler, immer noch zu sagen, wir müssen. Manchmal ist es so was wie ein echter Kulturwandel. Also, wir haben vorhin von Mobilität gesprochen. Ja, ich fahre auch ein Auto, andere fahren Auto. Aber wir haben eine Incentivierung, die völlig falsch ist. (…) 2019 war ich – wie die Jahre davor – viel unterwegs. Ich hatte etwa 170.000 Flugmeilen. Nur bei einer Airline. Also, das ist erste Klasse bei Greta Thunberg in die Hölle. Aber was passiert? Statt dass man irgendwo sagt 'Yogeshwar, du spinnst!', sagt die Airline 'Großartig, wir schenken dir auch noch Flüge dazu!'. Das heißt, während wir auf der einen Seite sagen, wir müssen etwas ändern, belohnen wir den Sünder."

Stimmt das? Werden Vielflieger für ihren CO2-Ausstoß belohnt?

Tatsächlich bieten alle großen internationalen Fluggesellschaften sogenannte Vielfliegerprogramme an. Dabei werden die bei der jeweiligen Linie zurückgelegten Meilen gespeichert und nach Erreichen einer bestimmten Menge mit Prämien belohnt. Dies können z.B. kostenlose oder ermäßigte Flüge sein. Auf diese Weise sollen gerade die Kunden, die für einen Großteil des Umsatzes sorgen, langfristig an das Unternehmen gebunden werden.

Das erste Vielfliegerprogramm wurde am 1. Mai 1981 von American Airlines eingeführt. Der damalige Unternehmenschef Robert Crandall reagierte damit auf die Beobachtung, dass etwa fünf Prozent seiner Kunden für 40 Prozent des Umsatzes sorgten. Delta Airlines, United Airlines sowie British Airways folgten wenig später mit ähnlichen Systemen. Die Lufthansa führte ihr Vielfliegerprogramm am 1. Januar 1993 ein.

Doch gerade unter Klimaschutzaspekten stehen diese Programme schon seit einigen Jahren in der Kritik. Als Teil eines umfänglichen Maßnahmenpakets zur Einhaltung der Pariser Klimaziele forderte etwa die Grünen-Bundesdelegiertenkonferenz 2019 die Abschaffung aller Bonusmeilen im Flugverkehr.

Prof. Dr. Hermann Held, Forschungsstelle Nachhaltige Umweltentwicklung der Universität Hamburg
Prof. Dr. Hermann Held, Forschungsstelle Nachhaltige Umweltentwicklung der Universität Hamburg | Bild: UniHH/KlimaCampus/Ausserhofer

Prof. Dr. Hermann Held von der Forschungsstelle Nachhaltige Umweltentwicklung der Universität Hamburg schlägt indes eine differenziertere Bewertung vor:

"Yogeshwar hat recht, wenn er darauf hinweist, dass Belohnungen in Gestalt von verschenkten Konsumoptionen, die dem Klimaschutz entgegenarbeiten, kulturell das falsche Signal setzen. Ich lese seine Äußerungen so, dass er für einen Kulturwandel eintritt, in Folge dessen im Sinne des Klimaschutzes besonders belastendes Verhalten nicht auch noch mit Beifall bedacht oder vielleicht sogar negativ konnotiert wird. Technisch-ökonomisch könnte man erwidern, dass die oben beschriebenen Belohnungssysteme eben ein Instrument der Kundenbindung darstellen und insofern so agierende Unternehmen lediglich 'ihren Job' in einer kapitalistischen Gesellschaft machen. Unsere Gesellschaft produziert und konsumiert nach wie vor auf vielfältigste Weise nicht-nachhaltig. Wollte man jedes Sonderangebot mit einem Bann belegen, näherten wir uns bedrohlich einer Planwirtschaft."

Sinnvoller sei es, an anderer Stelle zu regulieren, erklärt Prof. Dr. Held weiter:

"Im Falle des Klimaproblems wäre eine Option, sämtlichen Sektoren einen Kohlenstoffpreis aufzuerlegen, der mit den Klimazielen kompatibel ist. Der Weltklimarat IPCC hat in seinem 5. Sachstandsbericht ausgeführt, dass wir in 2020 einen Preis von über 50 USD je Tonne Kohlendioxid (in Preisen von 2010) benötigt hätten – bei perfekter Kooperation seit 2010. Da es diese nicht gegeben hat, müsste der Preis heute eigentlich noch höher sein, um das Versäumte nachzuholen. Sie sehen, dass hier heute mindestens ein Faktor 2 fehlt. In einer solchen Situation können freiwillige Kompensationen oder aber Verzicht auf bestimmte Konsumgewohnheiten helfen, die Lücke zwischen Klimaziel und Wirklichkeit ein wenig zu überbrücken. Den politischen Akt ersetzen können sie nicht."

Tatsächlich nutzen immer mehr Flugreisende die Möglichkeit, ihren CO2-Ausstoß durch entsprechende Kompensationszahlungen auszugleichen. Portale wie Atmosfair oder Myclimate berechnen für einen Flug den jeweiligen CO2-Fußabdruck. Dieser richtet sich nach Flugdistanz, Flugzeugtyp und Beinfreiheit. Für eine kompensierte Tonne CO2 wird dabei ein Betrag zwischen fünf und 23 Euro erhoben, der dann an ein Klimaprojekt gespendet wird, das anderswo auf der Welt Emissionen verringern soll. Diese recht beträchtliche Preisspanne lässt sich damit erklären, dass unterschiedliche Projekte unterschiedlich teuer sind.

Einige Fluggesellschaften bieten eine solche Kompensationszahlung inzwischen direkt in der Buchungsmaske an. Auch können gesammelte Flugmeilen mitunter direkt für den CO2-Ausgleich genutzt werden.

Doch komplette Klimaneutralität kann auch durch diese zusätzlichen Zahlungen in der Regel nicht erreicht werden. Meist werden in der Spende nicht alle anfallenden Emissionen berücksichtigt. Die CO2-Rechner der jeweiligen Portale kalkulieren meist nur solche Emissionen, die unmittelbar beim Flug anfallen. Der Bau des Flughafens zum Beispiel, bei dem natürlich auch Emissionen entstanden sind, ist meist nicht Teil der Kompensation. Klimaneutral wäre streng genommen nur, ganz auf den Flug zu verzichten. Dass das Kompensationsmodell an sich aber ein sinnvoller Schritt zur Eindämmung des globalen CO2-Ausstoßes ist, darin stimmen auch Kritiker überein.

Fazit: Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar forderte in unserer Sendung ein grundlegendes Umdenken in Sachen Klimaschutz, und kritisierte z.B. das System der Bonusmeilen, das insbesondere Vielflieger für ihren CO2-Ausstoß belohne. Tatsächlich bieten alle großen internationalen Fluggesellschaften sogenannte Vielfliegerprogramme an. Dabei werden die zurückgelegten Meilen gespeichert und nach Erreichen einer bestimmten Menge mit kostenlosen oder ermäßigten Flügen belohnt. Insbesondere von Klimaschützern wird das System schon lange kritisiert. Unser Experte wies allerdings darauf hin, dass die Einführung eines entsprechenden CO2-Preises wahrscheinlich wirkungsvoller wäre als ein striktes Verbot von Bonusmeilen. Auch die CO2-Kompensation über entsprechende Spendeninitiativen ist ein erster Schritt zur Verringerung des globalen Ausstoßes. Gänzlich klimaneutral verhält sich in der Regel aber nur, wer von vornherein auf den Flug verzichtet.

Stand: 4.11.2021

Autor: Tim Berressem