Faktencheck zu "maischberger"

Sendung vom 29.11.2022

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Rainer Hank, Anna Planken, Vassili Golod, Alice Schwarzer
Die Gäste (v.l.n.r.): Rainer Hank, Anna Planken, Vassili Golod, Alice Schwarzer | Bild: WDR / Melanie Grande

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Wie gefährlich wäre die Förderung von Fracking-Gas in Deutschland?

Wie gefährlich wäre die Förderung von Fracking-Gas in Deutschland?

Mit dem Chef der Bundesnetzagentur Klaus Müller (B’90/Grüne) diskutierten wir u.a. über Deutschlands Möglichkeiten, sich bei der Energieversorgung unabhängiger von anderen Staaten zu machen. In diesem Zusammenhang sprach sich Müller gegen das sogenannte Fracking aus. Diese spezielle Methode der Erdgas-Förderung könne das Grundwasser erheblich belasten, wie diverse Untersuchungen in der Vergangenheit nahegelegt hätten. Gerade in dicht besiedelten Gebieten wie Deutschland könne die Technologie zu einer Gefahr für die Bevölkerung werden, betonte Müller.

Weniger Abhängigkeit bei Energie: Kann Fracking die Lösung sein?

Maischberger: "Sie waren ja in Ihrem Vorleben nicht nur Verbraucherschützer, sondern Sie waren grüner Umweltminister in Schleswig-Holstein. Da waren Sie kein besonderer Freund von Fracking-Gas, von der Atomkraft auch nicht, die lassen wir jetzt mal beiseite. Warum sollen wir denn eine Energie, die als so umweltschädlich gilt, in anderen Ländern produzieren lassen, aber dann nicht hier, wo wir Gasvorkommen haben, Schätzungen sagen, mit denen wir zehn Jahre lang den gesamten Gasverbrauch in Deutschland decken könnten?"

Müller: "Fracking-Gas steht im Verdacht, und dazu hat es auch jede Menge Untersuchungen gegeben, ein Problem für Grundwasser zu sein. Das ist in Ländern, die weniger dicht besiedelt sind, immer noch ein Problem, das soll man nicht schönreden. Aber wenn Sie große Flächen wie Kanada und USA haben, ist das eine andere Situation als in einem sehr, sehr dicht, auch landschaftlich sehr, sehr intensiv genutzten Gebiet wie Deutschland, nehmen Sie Niedersachsen. Das ist das Gebiet, was laut diesen Prognosen die meisten Möglichkeiten hat. Ich glaube, die meisten Parteien im jüngsten Landtagswahlkampf haben sich da sehr klar positioniert. Nicht nur die einer Partei, sondern vieler Parteien, weil es ein dicht besiedeltes Land ist, in dem wir leben. Und darum gibt es Unterschiede zu den USA und Kanada. Schön ist nichts davon. Nichts davon ist gut und glorreich irgendwie daherzubeten. Aber ich glaube, dass die Entscheidung eine politische ist, und die Bundesnetzagentur tut das, was wir jetzt tun können. Fracking löst nicht in diesem und im nächsten Winter mein Problem."

Stimmt das? Wie gefährlich wäre die Förderung von Fracking-Gas in Deutschland?

"Fracking" ist eine Abkürzung für den englischen Begriff Hydraulic Fracturing (engl. to fracture = aufbrechen) und bezeichnet ein spezielles Verfahren zur Gewinnung von Erdgas. Dabei wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien mehrere Hundert Meter tief ins Gestein gepresst, um aus tief liegenden Schichten das sogenannte Schiefergas herauszulösen, das in kleinen Poren im Muttergestein eingeschlossen ist. Durch die Flüssigkeit und den Druck bilden sich Risse im Gestein, die Gesteinsschicht wird also aufgebrochen. Nur so kann das Erdgas an die Erdoberfläche transportiert und anschließend genutzt werden. Der Sand in der Flüssigkeit soll dazu beitragen, die Risse im Gestein stabil zu halten.

Das Fracking zur Förderung von Schiefergas – auch unkonventionelles Fracking genannt – ist in Deutschland gesetzlich verboten. Bei der Förderung des sogenannten Tight Gas, das bereits aus dem Muttergestein entwichen und in andere Gesteinsschichten, z.B. Sandstein, gewandert ist, kommen ebenfalls Fracking-Methoden zum Einsatz, die aber weniger aufwendig sind und weniger Flüssigkeit erfordern. Dieses sogenannte konventionelle Fracking ist in Deutschland grundsätzlich legal, unterliegt aber strengen Auflagen und ist in bestimmten Gebieten untersagt, z.B. in Wasserschutzgebieten, Einzugsgebieten von Seen und Talsperren, sowie in Nationalparks und Naturschutzgebieten.

Umweltschützer warnen schon lange vor den Risiken des Frackings. Die erforderlichen Bohrungen finden in der Nähe der Grundwasservorkommen statt, sodass Kritiker befürchten, genutzte Chemikalien könnten in das Trinkwasser oder in Oberflächengewässer gelangen. Für die potenzielle Auswirkung des Frackings auf Grundwasservorkommen in Deutschland liegen laut Bundesumweltministerium derzeit keine wissenschaftlich fundierten Kenntnisse vor. Trotzdem könnten schädliche Stoffe in die Umwelt gelangen, wenn an der jeweiligen Bohrstelle unsachgemäß gearbeitet werde, so eine Untersuchung der von der Bundesregierung eingesetzten Expertenkommission Fracking. Durch menschliches und technisches Versagen bleibe immer ein Restrisiko. Auch die US-amerikanische Umweltbehörde EPA weist auf mögliche Gefährdungen des Grundwassers hin, gibt aber gleichzeitig zu, dass die derzeitige Studienlage noch kein abschließendes Urteil erlaube. 

Eine Beratungskommission der Gesellschaft für Toxikologie hat internationale Studien zu möglichen Gesundheitsschäden der Menschen, die in der Nähe der Förderstätten leben, ausgewertet. So zeigen epidemiologische Erhebungen, dass mehr Geburtsdefekte, mehr respiratorische und neurologische Erkrankungen und mehr Krebs im Kindesalter bei Menschen beschrieben wurden, die in der Nähe von Fracking-Anlagen leben. Allerdings konnte zunächst kein ursächlicher Zusammenhang zur Schiefergasgewinnung festgestellt werden. Zuverlässige Langzeitstudien, die deutliche Ursache-Wirkungs-Beziehungen aufzeigen können, fehlen bislang. Einige solcher Studien sind laut Angaben des US-amerikanischen National Institute of Environmental Health Sciences (NIH) derzeit in Arbeit. Bis sie allerdings valide Ergebnisse liefern können, müssen Probanden über einen sehr langen Zeitraum beobachtet und untersucht werden.

Ein weiteres Argument, das oft gegen das Fracking angeführt wird, ist die Gefahr von Erdbeben. Tatsächlich können der Fracking-Prozess selbst, die sich im Untergrund ausbreitenden Flüssigkeiten sowie die Abwasserentsorgung zu einer sogenannten induzierten Seismizität führen. Großbritannien stoppte das Fracking im Jahr 2019 aufgrund der erhöhten Erdbebengefahr. Vorausgegangen war eine Serie von Erdbeben in der Grafschaft Lancashire, wobei die stärkste Erschütterung eine Stärke von 2,9 auf der Richterskala erreichte, was der Definition nach als sehr leichtes Erdbeben eingestuft wird. In den USA und Kanada löst das Fracking regelmäßig leichte bis mittelstarke Erdbeben aus, wie die Analyse eines Forscherteams der Ruhr-Universität Bochum und der McGill University Montreal zeigt. So kam es 2015 in der kanadischen Provinz British Columbia zum bis dahin stärksten durch Fracking induzierten Erdbeben weltweit. Es erreichte eine Stärke von 4,6 auf der Richterskala – ein mittelstarkes Erdbeben.

Auch wenn jene Länder deutlich weniger dicht besiedelt sind als z.B. Großbritannien oder Deutschland, ist die Technologie auch dort nicht unumstritten. So will etwa der US-Bundesstaat Kalifornien das Fracking ab 2024 verbieten. Gleichzeitig wird Fracking-Gas aus den USA angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine zur zunehmend wichtigen Energiequelle für Europa. Das gefrackte Gas wird verflüssigt und mit Schiffen nach Europa transportiert. Zusätzliche 15 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas (LNG) sollen allein in diesem Jahr nach Europa verschifft werden. Der größte Teil davon wird durch Fracking gewonnen. 

Hierzulande wurde die Fracking-Debatte zuletzt von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) angefacht. Angesichts der Energiekrise will er das Verbot auf den Prüfstand stellen. "Wir haben in Deutschland erhebliche Gasvorkommen, die gewonnen werden können, ohne das Trinkwasser zu gefährden", sagte Lindner Ende Oktober den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) plädierte ebenfalls dafür, Fracking "vor allem in Niedersachsen" zu prüfen. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) sagte hingegen der "Rheinischen Post", dass Fracking in einer Region, "in der wir viel von unserem Trinkwasser aus oberflächennahen Wasserschichten holen, die beim Fracking durchstoßen werden müssten, nicht verantwortbar" sei. Kritik wurde aber auch innerhalb der Ampel-Koalition laut. "Wer heute nationales Fracking fordert, ruft zu teuren Fehlinvestitionen mit gravierenden Nutzungskonkurrenzen auf", kritisierte die SPD-Energiepolitikerin Nina Scheer den Finanzminister im "Handelsblatt". Fracking stehe für "eine Vielzahl von Bohrlöchern und Folgerisiken für Trinkwasser, Erdbebengefahren und Klimafolgeschäden und ist deswegen abzulehnen", warnte sie.

Wie groß die Schiefergasvorkommen in Deutschland sind, lässt sich nur schätzen. Diese Schätzungen liegen allerdings z.T. weit auseinander. Eine Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe geht von einer großen Spannbreite von 380 bis 2340 Milliarden Kubikmeter aus, bei einem deutschen Jahresverbrauch von rund 90 Milliarden Kubikmeter. Der Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BEVG) beziffert das vorhandene Gesamtvolumen auf rund 800 Milliarden Kubikmeter. Auf dieser Zahlenbasis könnte gefracktes Schiefergas für mehrere Jahrzehnte ein Fünftel des Bedarfs decken.

Eine kurzfristige Lösung würde das Fracking aber selbst nach einer entsprechenden Gesetzesänderung nicht bieten. Laut Expertenkommission würde es bis Ende des Jahrzehnts dauern, bis die ersten Bohrungen starten könnten. Zuvor müssten Genehmigungsverfahren, Umweltverträglichkeitsprüfung, Bürgerbeteiligung und vieles mehr durchgeführt werden.

Fazit: Der Chef der Bundesnetzagentur Klaus Müller (B’90/Grüne) sprach sich in unserer Sendung gegen das sogenannte Fracking aus. Diese spezielle Methode der Erdgas-Förderung könne das Grundwasser erheblich belasten, wie diverse Untersuchungen in der Vergangenheit nahegelegt hätten. Tatsächlich warnen Fracking-Kritiker schon lange vor den potentiellen Risiken für Mensch und Umwelt. Auch beschreiben diverse Studien die Möglichkeit, dass Grundwasser durch die Technologie verunreinigt wird und Menschen in der Umgebung gesundheitliche Schäden davon tragen. Eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehungen konnten bislang aber nicht belegt werden. Entsprechende Langzeitstudien laufen derzeit noch. Das Auftreten leichter bis mittelstarker Erdbeben im Zusammenhang mit Fracking-Vorgängen konnte hingegen belegt werden. Das sogenannte unkonventionelle Fracking von Schiefergas ist in Deutschland verboten, das konventionelle Fracking (Tight Gas) unterliegt strengen Auflagen. Darüber, ob künftig auch die deutschen Schiefergasvorkommen angetastet werden dürfen, wird in der Bundespolitik aktuell kontrovers debattiert.

Stand: 30.11.2022

Autor: Tim Berressem