Faktencheck zu "maischberger"

Sendung vom 16.11.2022

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Wolfram Weimer, Alev Doğan, Hannes Jaenicke
Die Gäste (v.l.n.r.): Wolfram Weimer, Alev Doğan, Hannes Jaenicke | Bild: WDR

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Wie viele CO2-Emissionen werden durch China und Indien verursacht?

Wie viele CO2-Emissionen werden durch China und Indien verursacht?

"European"-Verleger und Publizist Wolfram Weimer kritisierte in unserer Sendung den UN-Generalsekretär António Guterres, der China und Indien auf der Weltklimakonferenz nicht hinreichend für ihren CO2-Ausstoß gerügt habe. Solange diese beiden Länder ihre Emissionen nicht deutlich reduzierten, seien die Bemühungen anderer Staaten wenig wert, betonte Weimer. Schauspieler Hannes Jaenicke warf ein, dass China deutlich mehr in erneuerbare Energien investiere als der Rest der Welt. 

China und Indien: Wie viel CO2 stoßen die beiden Länder aus?

Weimer: "Der (gemeint ist UN-Generalsekretär António Guterres, Anm. d. Red.) hat eine Klimakonferenz einberufen und eröffnet, und hat den Indern und Chinesen durchgehen lassen, dass die das Gegenteil dessen tun, was er dort proklamiert. Die Chinesen bauen zurzeit jede Woche ein Kohlekraftwerk neu. Die Chinesen und die Inder haben 700 Millionen Tonnen Kohle Mehrnutzung in diesem Jahr 2022. Das ist ein Vielfaches dessen, was Deutschland in guten Kohlejahren braucht. Das heißt, die scheren sich überhaupt nicht darum, sondern gehen den ganz falschen Weg. Und wenn man so eine Konferenz mit so einem Pathos eröffnet, dann hätte er die Chinesen und Inder auch mal direkt ansprechen sollen und sagen, liebe Freunde, jetzt gilt es."

(…)

Jaenicke: "Die Chinesen – ganz nebenbei – investieren mehr in regenerative Energien als der Rest der Welt zusammenaddiert. Die machen einfach alles. Die machen Kohle, die machen Sonne, die machen alles. Das muss man dazu sagen."

Weimer: "Ja, aber vor allem verschmutzen sie. Wie keine andere Nation."

Jaenicke: "Aber auch wir verbrennen ja wieder Kohle. Wir haben ja eine Energiewende auch nicht hingekriegt. Wir haben sie mal angefangen sehr beherzt vor zwanzig Jahren, wir haben sie einfach eingestampft."

(…)

Weimer: "Der Elefant im Raum sind die Chinesen und die Inder. Wir müssen einfach uns die Zahlen angucken. Wenn wir uns in Europa auf diesen Weg machen, und zum Glück machen wir uns ja, natürlich zu langsam für dich (gemeint ist Hannes Jaenicke, Anm. d. Red.), aber im Grunde genommen macht sich Europa auf einen richtigen Weg. Aber was wir tun, ist im Grunde genommen als würden wir eine Flut mit Teelöffeln auslöffeln und in China und Indien machen sie gerade den Staudamm auf. Guckt euch die Zahlen der CO2-Emissionen dort an. Es ist gewaltig."

Jaenicke: "Per capita? Weit hinter uns!"

Weimer: "Nein, in absoluten Größen weit vor uns."

Maischberger: "Pro Kopf, sagt Herr Jaenicke, weit hinter uns."

Weimer: "Deswegen glaube ich nicht daran, dass die Politik das regeln kann. Meine Hoffnung ist eher, dass Technologie es am Ende regelt."

Stimmt das? Wie viele CO2-Emissionen werden durch China und Indien verursacht?

Aktuelle Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) zeigen, dass im Jahr 2021 mit weltweit 36,3 Milliarden Tonnen so viele energiebedingte CO2-Äquivalente ausgestoßen wurden wie nie zuvor. Das CO2-Äquivalent ist eine Maßeinheit zur Vereinheitlichung der Klimawirkung der unterschiedlichen Treibhausgase. Gegenüber dem Vorjahr 2020 betrug der Anstieg zwei Milliarden Tonnen oder sechs Prozent. "Der Anstieg der globalen CO2-Emissionen von über zwei Milliarden Tonnen war absolut gesehen der größte in der Geschichte und hat den pandemiebedingten Rückgang des Vorjahres mehr als ausgeglichen", erklärte die IEA im März. Wie aus den Daten hervorgeht, ist China größtenteils für den Anstieg der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Alleine 2021 stiegen Chinas CO2-Emissionen der Analyse nach auf über 11,9 Milliarden Tonnen, was 33 Prozent der weltweiten Gesamtemissionen ausmacht.

Was die absoluten Zahlen angeht, ist die Datenlage allerdings nicht immer eindeutig. So geht die umfangreichere Emissionsdatenbank der Europäischen Kommission (EDGAR) davon aus, dass China 12,4 Milliarden Tonnen CO2 emittierte, was in dieser Statistik aber ebenfalls einem Anteil von rund 33 Prozent am globalen Ausstoß entspricht. Indien ist diesen Daten nach für 2,6 Milliarden Tonnen CO2 verantwortlich (7 Prozent) und liegt damit auf dem dritten Rang. Zweitgrößter Emittent hinter China sind die USA mit 4,7 Milliarden Tonnen (12,5 Prozent). Deutschland war 2021 für 1,7 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich (665 Millionen Tonnen), alle 27 EU-Mitglieder zusammen für 7,3 Prozent (2,7 Milliarden Tonnen). Damit liegt die Europäische Union insgesamt noch knapp vor Indien. Auffällig ist aber, dass der CO2-Ausstoß in der EU seit 1990 um rund 38 Prozent gesunken ist, während er weltweit im selben Zeitraum um 67 Prozent gestiegen ist. Die Daten zeigen, dass dieser Anstieg zu großen Teilen auf Entwicklungs- und Schwellenländer zurückgeht. Indiens CO2-Emissionen haben sich seit 1990 vervierfacht, Chinas sogar mehr als verfünffacht. Die USA konnten in den letzten dreißig Jahren einen leichten Rückgang um 6,2 Prozent verzeichnen. 

Schaut man sich den Pro-Kopf-Ausstoß an, so stellt man fest, dass China Deutschland hier in den letzten Jahren überholt hat. 2019 emittierten die Deutschen mit 8,51 Tonnen pro Kopf noch mehr als die Chinesen (8,29 Tonnen). In den Vorjahren war der Unterschied sogar noch größer. 2020 lag China dann mit einem Pro-Kopf-Ausstoß von 8,39 Tonnen erstmals vor Deutschland (7,62 Tonnen). 2021 bestätigte sich dieser Trend. Die USA liegen mit 14,24 Tonnen pro Kopf deutlich vor China, Indien dagegen mit 1,9 Tonnen sehr weit dahinter. Den weltweit höchsten Pro-Kopf-Ausstoß hat übrigens der pazifische Inselstaat Palau zu verzeichnen (60,17 Tonnen), gefolgt von Katar (34,4 Tonnen).

Richtig ist aber auch, dass China beim Ausbau erneuerbarer Energien weltweit führend ist. Die Nationale Energiebehörde NEA prognostiziert, dass bis Ende 2022 Solaranlagen mit einer Leistung von 108 Gigawatt gebaut werden. Im Jahr 2021 waren rund 53 Gigawatt neu gebaut worden – der Zubau wird also mehr als verdoppelt. Der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien (IRENA) zufolge führt China derzeit insgesamt bei der Energieproduktion aus erneuerbaren Quellen mit rund 635 Gigawatt Leistung aus Solar- und Windkraft. Diese soll bis 2030 auf 1.200 Gigawatt steigen. Zum Vergleich: In Deutschland kommen Solar- und Windkraft derzeit auf etwa 120 Gigawatt. Dennoch machen erneuerbare Energien in China aktuell weniger als ein Drittel der Stromproduktion aus. Etwa 29 Prozent der chinesischen Stromproduktion kamen laut einer Erhebung des Thinktanks Ember 2021 aus erneuerbaren Quellen, dagegen 66 Prozent aus fossilen Quellen und etwa 5 Prozent aus Atomkraft. Nach Angaben des Global Energy Monitors brachte China 2020 neue Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 38,4 Gigawatt ans Netz – dreimal so viel wie der gesamte Rest der Welt zusammen. Derzeit sind mehr als 200 neue Kohlekraftwerke im Bau. Die Expertengruppe Carbon Tracker beziffert Pekings Planungsvorhaben auf 368 neue Kraftwerke.

China will offiziell erst 2060 klimaneutral werden, Indien sogar erst 2070. Die EU einigte sich im Frühjahr 2021 auf ein neues Klimagesetz, das eine Klimaneutralität bis 2050 vorschreibt. Deutschland will dieses Ziel bereits 2045 erreichen. Bis 2030 sollen die Emissionen hierzulande um 65 Prozent gegenüber 1990 sinken.

Fazit: Publizist Wolfram Weimer verwies in der Diskussion über die Weltklimakonferenz auf den erheblichen CO2-Ausstoß Chinas und Indiens. Solange diese beiden Länder ihre Emissionen nicht deutlich reduzierten, seien die Bemühungen anderer Staaten wenig wert, so Weimer. Tatsächlich verursachte China im Jahr 2021 mit Abstand die meisten Emissionen. Indien lag hinter den USA auf dem dritten Rang. Die Daten zeigen, dass der CO2-Ausstoß in der EU seit 1990 um rund 38 Prozent gesunken ist, in den USA um etwa 6 Prozent. Dagegen sind die weltweiten Emissionen in den letzten drei Jahrzehnten um 67 Prozent gestiegen, was zu großen Teilen durch erhebliche Anstiege in Schwellen- und Entwicklungsländern bedingt ist. Beim Pro-Kopf-Ausstoß hat China die Bundesrepublik in den letzten Jahren überholt. Die USA liegen hier aber noch deutlich vor China. Beim Ausbau erneuerbarer Energien ist die Volksrepublik weltweit führend, gleichwohl nur 29 Prozent des erzeugten Stroms aus regenerativen Quellen stammen. China setzt weiterhin massiv auf Kohlekraft, auch aus neugebauten Kraftwerken. Offiziell will man erst 2060 klimaneutral werden. 

Stand: 17.11.2022

Autor: Tim Berressem