Faktencheck zu "maischberger"

Sendung vom 11.10.2022

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Helene Bubrowski, Christoph Schwennicke, Anja Kohl, Claudia Major, Irina Scherbakowa
Die Gäste (v.l.n.r.): Helene Bubrowski, Christoph Schwennicke, Anja Kohl, Claudia Major, Irina Scherbakowa | Bild: WDR / Oliver Ziebe

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Aus welchen Lagern hat die niedersächsische AfD an Stimmen gewonnen?

Aus welchen Lagern hat die niedersächsische AfD an Stimmen gewonnen?

Mit dem CDU-Parteivorsitzenden Friedrich Merz blickten wir u.a. zurück auf die Landtagswahlen in Niedersachsen. In diesem Kontext relativierte er die Stimmenverluste seiner Partei an die AfD. Die Statistik über die Wählerwanderung zeige, dass SPD und FDP zusammen mehr Stimmen an die AfD verloren hätten als die CDU, so Merz. 

Wählerwanderung in Niedersachsen: Wie viele Stimmen verloren SPD und FDP an die AfD?

Maischberger: "Wir gucken mal auf etwas, was wir gesehen haben, was bei dieser Landtagswahl passiert ist. Das ist die Wählerwanderung der CDU. Sie (gemeint ist Friedrich Merz, Anm. d. Red.) haben ja mal gesagt, Sie sind angetreten, um die AfD zu halbieren. Sie ist jetzt in dieser Landtagswahl verdoppelt worden, und ein großer Teil der Wahl kam eben von der CDU. Also 40.000, die von der CDU zur AfD gegangen sind, die den Anteil deshalb u.a. verdoppeln konnte. Haben Sie – zuletzt auch mit Ihrem Wort des 'Sozialtourismus', gemünzt auf die ukrainischen Flüchtlinge – letztlich Werbung gemacht für das Original, das dann gewählt wurde?"

Merz: "Frau Maischberger, da widerspreche ich Ihnen. Zum Einen, das Thema hat im Wahlkampf auch nach übereinstimmender Auskunft aller Wahlkämpfer keine Rolle gespielt. Und zu dieser Statistik würde ich gerne bei Ihnen eingeblendet sehen eine zweite, woher die AfD denn sonst noch ihre Wähler bekommen hat. So, und da werden Sie feststellen, dass von der SPD und von der FDP mehr Wähler zur AfD gegangen sind als von uns. Zusammen genommen. SPD und FDP zusammen haben mehr Wähler an die AfD verloren als die CDU."

Stimmt das? Aus welchen Lagern hat die niedersächsische AfD an Stimmen gewonnen?

Tatsächlich konnte die AfD ihr Ergebnis bei der niedersächsischen Landtagswahl am vergangenen Sonntag (9.10.22) fast verdoppeln. Mit 10,9 Prozent gewann die Partei um Spitzenkandidat Stefan Marzischewski-Drewes 4,7 Prozent im Vergleich zur Wahl 2017 hinzu. Die höchsten Zugewinne kamen dabei sowohl aus dem CDU- als auch dem FDP-Lager, wie Zahlen des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap zeigen. Demnach sind jeweils 40.000 Stimmen von CDU und FDP zur AfD gewandert. Die SPD verlor 25.000 Stimmen an die AfD, während aus Richtung der Grünen keine Wählerwanderung zu verzeichnen war. 

Mit 33,4 Prozent aller Stimmen geht die SPD als Siegerin aus der Niedersachsenwahl hervor. Ministerpräsident Stephan Weil wird also voraussichtlich mit den Grünen, die mit 14,5 Prozent drittstärkste Kraft wurden, ein neues Regierungsbündnis schmieden. Der bisherige Koalitionspartner CDU fuhr mit 28,1 Prozent das schlechteste Wahlergebnis seit 1955 ein. Ihr Spitzenkandidat Bernd Althusmann trat daraufhin vom Landesvorsitz zurück. Die FDP (4,7 Prozent) verpasste zum ersten Mal seit 1998 den Einzug in den niedersächsischen Landtag, der sich also künftig aus nur noch vier Fraktionen zusammensetzen wird. 

In Niedersachsen waren am Sonntag 6,1 Millionen Menschen zur Landtagswahl aufgerufen. Die Wahlbeteiligung lag bei 60,3 Prozent und damit knapp drei Prozent niedriger als bei der letzten Wahl 2017. Das mit Abstand wichtigste Thema, das die Niedersachsen bei ihrer Wahlentscheidung leitete, war laut Infratest dimap die Energieversorgung. Das gaben 29 Prozent der Befragten an. Dahinter folgten die Themen Preissteigerung (19 Prozent) und Klima (17 Prozent). 

Fazit: CDU-Chef Friedrich Merz relativierte er die Stimmenverluste seiner Partei an die AfD. Die Statistik über die Wählerwanderung zeige, dass SPD und FDP zusammen mehr Stimmen an die AfD verloren hätten als die CDU, so Merz. Tatsächlich verloren CDU und FDP gleich viele Wählerstimmen an die AfD, nämlich jeweils 40.000. Von den SPD-Wählern wanderten 25.000 zur AfD ab, die mit 10,9 Prozent ihr Ergebnis im Vergleich zu 2017 in der Tat fast verdoppelt hat. SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil wird in der nächsten Legislaturperiode voraussichtlich mit den Grünen koalieren. Die wichtigsten Themen für die niedersächsischen Wähler waren laut Umfragen die Energieversorgung, Preissteigerungen und das Klima.  

Stand: 12.10.2022

Autor: Tim Berressem