Faktencheck zu "maischberger"

Sendung vom 04.10.2022

Faktencheck

Die Gäste (v.l.n.r.): Hermann-Josef Tenhagen, Marcel Fratzscher
Die Gäste (v.l.n.r.): Hermann-Josef Tenhagen, Marcel Fratzscher | Bild: WDR

Bei Maischberger wird engagiert diskutiert, Argumente werden ausgetauscht, es wird auch schon mal emotional und manchmal bleibt am Ende keine Zeit, um alles zu klären. Wenn Fragen offen bleiben, Aussagen nicht eindeutig waren oder einfach weitere Informationen hilfreich sein könnten, schauen wir nach der Sendung noch einmal drauf – hier in unserem Faktencheck.

Und das schauen wir uns an:

  • Hat jeder Gaskunde das Recht, in die Grundversorgung aufgenommen zu werden?

Hat jeder Gaskunde das Recht, in die Grundversorgung aufgenommen zu werden?

Mit dem Verbraucher-Experten Hermann-Josef Tenhagen sprachen wir in der Sendung über verschiedene Möglichkeiten, Energiekosten einzusparen. In diesem Zusammenhang empfahl er, Strom und Gas vom regionalen Grundversorger zu beziehen. Dieser sei grundsätzlich dazu verpflichtet, jeden Kunden in den Grundversorgungstarif aufzunehmen, der inzwischen oft günstiger sei als die anderen Tarife, betonte Tenhagen. Was es mit der Grundversorgung konkret auf sich hat, schauen wir uns hier noch einmal genauer an.

Energiekosten sparen: Hat jeder Kunde ein Recht auf Grundversorgung?

Maischberger: "Zum Grundversorger wechseln, das haben Sie empfohlen. Der Grundversorger ist sozusagen der, der in der Region am meisten hat."

Tenhagen: "Der, der in der Region derjenige ist, der den Strom oder das Gas – beides heißt Grundversorger – anbieten muss."

Maischberger: "Und da genau auf die Tarife achten, habe ich auch bei Ihnen gelernt. Da gibt es unterschiedliche Tarife, da muss man sich genau damit auseinandersetzen."

Tenhagen: "Also eigentlich muss der Anbieter mich in die Grundversorgung aufnehmen. Die Anbieter wollen einen aber nicht."

Maischberger: "Komisch, ne?"

Tenhagen: "Naja, die sagen, die müssen das ja auch an der Strom- oder Gasbörse besorgen. Wissen sie nicht genau, wie es geht, und sagen, wir packen dich erst mal in die Ersatzversorgung. Und das ist dann so, in Augsburg z.B. kostet die Ersatzversorgung 48 Cent pro Kilowattstunde Gas, und der normale [Tarif] kostet ungefähr 15 Cent. Das heißt also, die versuchen mich abzuschrecken, und das sollte ich nicht mitmachen, ich sollte gucken und drauf bestehen, ich möchte gerne in diese Grundversorgung rein. Und das geht auch."

(…)

Maischberger: "Es ist wahnsinnig komplex. Einen Teil davon nehmen wir in unseren Faktencheck, damit Sie es auch bei uns nachlesen können."

Stimmt das? Hat jeder Gaskunde das Recht, in die Grundversorgung aufgenommen zu werden?

Der Grundversorger ist das Unternehmen in einer Region, das vor Ort die meisten Haushaltskunden mit Gas und/oder Strom beliefert. Bezieht man beispielsweise eine neue Wohnung ohne einen speziellen bestehenden Vertrag mit einem Energielieferanten, so landet man automatisch beim Grundversorger, sobald man das Licht oder die Heizung einschaltet. Vor Beginn der Energiekrise war die Grundversorgung in den allermeisten Fällen teurer als die übrigen Sondertarife. Das hat sich inzwischen grundlegend geändert. Da Grundversorger oft langfristige Lieferbeziehungen zu festgelegten Preisen eingehen, haben sie nun deutliche Preisvorteile gegenüber Versorgern, die ihren Lieferbedarf an Gas und Strom zum großen Teil kurzfristig über die Börse abdecken. Die Börsenpreise sind aufgrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine drastisch gestiegen. Durch langfristige Handelsverträge profitieren die Grundversorger hingegen noch von der günstigeren Einkaufssituation, die vor Kriegsbeginn herrschte. 

Wie viel Geld man mit dem Grundversorgungstarif sparen kann, hat kürzlich die Verbraucherzentrale NRW ermittelt. Demnach beginnen die Preise für die aktuell verfügbaren Sondertarife, die auf den gängigen Vergleichsportalen zu finden sind, beim Gas bei circa 39 Cent pro Kilowattstunde. Bei Strom beginnen die Preise ab circa 70 Cent pro Kilowattstunde. Die Durchschnittspreise in der Grundversorgung liegen für Gas bei 15,04 Cent und für Strom bei 42,45 Cent. Bei einem Wechsel zum Grundversorger lassen sich also rund 24 Cent pro Kilowattstunde beim Gas und 27 Cent pro Kilowattstunde beim Strom sparen. Die Verbraucherzentrale NRW weist jedoch darauf hin, dass es auch bei den Grundversorgern teils erhebliche Preisunterschiede gibt. Pro Kilowattstunde Gas zahlen Neukunden aktuell zwischen 6,94 Cent und 32,20 Cent. Beim Strom liegt die Preisspanne zwischen 27,14 bis 79,48 Cent pro Kilowattstunde. Außerdem ist zu beachten, dass es auch in der Grundversorgung keine Preisgarantien gibt. Das heißt, die Preise können mit einer Ankündigungsfrist von sechs Wochen erhöht werden. Experten gehen davon aus, dass viele Grundversorger ihren aktuell noch sehr günstigen Grundversorgungstarif in den kommenden Monaten erhöhen werden.

Wer in die Grundversorgung wechseln will, muss seinen bestehenden Vertrag fristgerecht kündigen und mit seinem örtlichen Grundversorger einen Vertrag abschließen. Gemäß Paragraph 36 des Energiewirtschaftsgesetzes ist der Grundversorger verpflichtet, jeden Haushaltskunden zu beliefern. Eine Ausnahme besteht nur dann, wenn die Belieferung für den Versorger "aus wirtschaftlichen Gründen nicht zumutbar" ist. Bei Kunden mit alten Zahlungsrückständen kann der Grundversorger dies in Betracht ziehen.

Die von Hermann-Josef Tenhagen in der Sendung angesprochene Ersatzversorgung soll sicherstellen, dass der Kunde auch bei Insolvenz seines aktuellen Energieanbieters weiter beliefert wird. Der Grundversorger springt dann automatisch ein, allerdings zu einem anderen Tarif. Denn laut Anpassung des Energiewirtschaftsgesetzes aus dem Sommer 2022 dürfen die Anbieter die Preise in der Ersatzversorgung an den aktuellen Börsenpreisen ausrichten. Ein Beispiel: Die Stadtwerke Augsburg berechnen ihren Gaskunden in der Grundversorgung ab dem 1. November 2022 etwa 18 Cent pro Kilowattstunde. In der Ersatzversorgung werden dagegen 32 Cent pro Kilowattstunde fällig. Ähnliches gilt auch beim Strom: In der Grundversorgung zahlen die Augsburger seit dem 1. Oktober rund 36 Cent pro Kilowattstunde, während sich die Kosten in der Ersatzversorgung mit 70 Cent fast verdoppeln. 

Die Ersatzversorgung endet im klassischen Fall (Insolvenz des bisherigen Anbieters) nach drei Monaten und geht dann automatisch in die Grundversorgung über. Verbraucherschützer warnen allerdings davor, dass Kunden, die aktuell aufgrund einer Preiserhöhung von ihrem Sonderkündigungsrecht beim alten Energieversorger Gebrauch machen und dann in die günstigere Grundversorgung wechseln wollen, zunächst ebenfalls für drei Monate in die Ersatzversorgung rutschen könnten. Die Verbraucherzentralen empfehlen daher, möglichst frühzeitig auf den zuständigen Grundversorger zuzugehen und um Abschluss eines Grundversorgungsvertrages zu bitten. Sollte sich der Versorger weigern, empfehlen Verbraucherschützer, rechtlichen Beistand in Anspruch zu nehmen – entweder über einen Anwalt oder die Verbraucherzentralen.

Fazit: Der Verbraucher-Experte Hermann-Josef Tenhagen empfahl den Zuschauern, Strom und Gas vom regionalen Grundversorger zu beziehen, um Gas- und Stromkosten einzusparen. Der Grundversorger sei grundsätzlich dazu verpflichtet, jeden Kunden in den Grundversorgungstarif aufzunehmen, der inzwischen oft günstiger sei als die anderen Tarife, so Tenhagen. Das stimmt. Gemäß Paragraph 36 des Energiewirtschaftsgesetzes ist der Grundversorger verpflichtet, jeden Haushaltskunden zu beliefern. Eine Ausnahme besteht nur dann, wenn die Belieferung für den Versorger "aus wirtschaftlichen Gründen nicht zumutbar" ist, etwa bei Kunden mit alten Zahlungsrückständen. Da Grundversorger oft langfristige Lieferbeziehungen zu festgelegten Preisen eingehen, haben sie aktuell deutliche Preisvorteile gegenüber Versorgern, die ihren Lieferbedarf an Gas und Strom kurzfristig über die Börse abdecken. Verbraucherschützer raten Kunden dazu, auf eine Aufnahme in den Grundversorgungstarif zu pochen, selbst wenn der Versorger sie zunächst der oft deutlich teureren Ersatzversorgung zuordnet.

Stand: 05.10.2022

Autor: Tim Berressem